HAMNET steht für Highspeed Amateurradio Multimedia Network - das "Intranet der Funkamateure". Ein eigenständiges IP-Netzwerk, das komplett unabhängig vom kommerziellen Internet funktioniert. Aufgebaut und betrieben von Funkamateuren, für Funkamateure.

💡 Kurzfassung: HAMNET ist ein Breitband-Datennetz über Richtfunk im GHz-Bereich. Datenraten bis 200 Mbit/s, Tausende Knoten in Europa, komplett unabhängig vom Internet. Der Einstieg kostet etwa 150-300 Euro.

Was ist HAMNET?

Stell dir vor: Ein Netzwerk wie das Internet - aber ohne Provider, ohne Zensur, ohne monatliche Kosten. Aufgebaut aus Hunderten von Richtfunkstrecken zwischen Berggipfeln, Funktürmen und Hochhäusern. Das ist HAMNET.

Die Idee entstand 2005 in Österreich als Nachfolger des alten Packet Radio-Netzes. 2009 startete das Projekt offiziell in Deutschland. Heute verbindet HAMNET über 4.000 Knoten in ganz Europa - mit Datenraten, die das alte Packet Radio um das Zehntausendfache übertreffen.

Packet Radio (1980er)
  • Maximal 9,6 kBit/s
  • Nur Text und kleine Dateien
  • Hohe Latenz
HAMNET (heute)
  • Bis zu 200 Mbit/s
  • Video, VoIP, Webserver
  • Echtzeit-Kommunikation

Warum nicht einfach das Internet nutzen?

HAMNET ist kein Internet-Ersatz - und das ist Absicht. Das Netz ist komplett vom kommerziellen Internet getrennt. Kein Zugang zum Internet, kein Zugang vom Internet.

Das klingt nach Einschränkung, ist aber eine Stärke:

  • Unabhängigkeit: Funktioniert auch bei Internet-Ausfall
  • Notfunk: Eigene Infrastruktur für Krisenszenarien
  • Experimentierfeld: Freies Testen ohne Sicherheitsrisiken
  • Amateurfunk-Dienste: EchoLink, APRS, ATV direkt über Funk

Was kannst du mit HAMNET machen?

Alles, was im Internet geht - nur eben über Amateurfunk. Hier die wichtigsten Dienste:

DienstBeschreibung
VoIP/SIP-TelefonieKostenlos telefonieren über Funk
EchoLinkWeltweite Relais-Verbindungen
WinLinkE-Mail ohne Internet
APRS-GatewaysPositionsdaten und Telemetrie
ATV/DATVAmateur-Fernsehen in Echtzeit
WebSDRFerngesteuerte Empfänger
WebserverAmateurfunk-exklusive Websites
Chat/MessagingInstant Messaging über Funk
✅ Praxis-Beispiel: Du sitzt zu Hause und steuerst einen WebSDR auf einem Berggipfel 100 km entfernt - komplett über HAMNET, ohne einen Byte über das Internet zu schicken.

HAMNET Einstieg: So kommst du rein

Der Einstieg ins HAMNET ist einfacher als du denkst. Du brauchst drei Dinge:

  1. Amateurfunklizenz Klasse E oder A (Klasse N reicht nicht - seit Juni 2024 darf auch Klasse E die HAMNET-Frequenzen nutzen)
  2. Sichtverbindung zu einem HAMNET-Knoten
  3. Die richtige Hardware (ca. 150-300 €)
⚠️ Warum brauche ich eine Lizenz? Anders als beim passiven Mithören von Amateurfunk ist HAMNET ein bidirektionales Netzwerk. Dein Gerät sendet automatisch, sobald du Daten anforderst - wie bei WLAN. "Nur empfangen" gibt es nicht. Deshalb ist eine Lizenz Pflicht.

Schritt 1: Knoten in der Nähe finden

Zuerst prüfst du, ob es überhaupt einen Zugangsknoten in deiner Nähe gibt. Die HamnetDB-Karte zeigt alle Standorte. Achte auf Knoten mit einem "U" im Symbol - das sind User-Zugänge.

⚠️ Sichtverbindung ist Pflicht: HAMNET arbeitet im GHz-Bereich. Ohne freie Sicht zum Knoten geht nichts. Bäume, Häuser, Hügel - alles dämpft das Signal erheblich.

Schritt 2: Hardware für den HAMNET Zugang

Für den Einstieg ins HAMNET hat sich bestimmte Hardware bewährt:

GerätPreisFrequenzBesonderheit
Ubiquiti NanoStation M5~80 €5 GHzStandard für User-Zugänge, 25 dBi
MikroTik QRT2~100 €2,4 GHz17 dBi Flachantenne, robust
Ubiquiti LiteBeam 5AC~60 €5 GHzGünstiger Einstieg, 23 dBi

Diese Geräte kombinieren Antenne und Transceiver in einem wetterfesten Gehäuse. Die Stromversorgung läuft über PoE durchs Netzwerkkabel - praktisch für die Montage am Mast.

Schritt 3: Antenne ausrichten

Die Antenne muss exakt auf den Zielknoten zeigen. Bei 5 GHz hast du nur wenige Grad Öffnungswinkel - kleine Abweichungen bedeuten große Signalverluste.

💡 Tipp: Die meisten HAMNET-Geräte haben ein Web-Interface, das die Signalstärke in Echtzeit anzeigt. Drehe langsam und beobachte den Pegel.

Schritt 4: Konfiguration

Nach der Montage musst du das Gerät konfigurieren:

  • SSID: Die des Zielknotens (findest du in der HamnetDB)
  • Frequenz: Passend zum Einstiegsknoten
  • IP-Adresse: Aus dem HAMNET-Bereich 44.0.0.0/8
  • Rufzeichen: Muss im Gerät hinterlegt sein

Detaillierte Anleitungen gibt es bei DL1NUX und im ÖVSV-Wiki.

Alternative: VPN-Zugang

Keinen Knoten in Reichweite? Einige Gruppen bieten VPN-Tunnel ins HAMNET an - zum Beispiel die Amateurfunkgruppe der RWTH Aachen. Damit kannst du HAMNET-Dienste nutzen, auch ohne Funk-Einstieg.

HAMNET Frequenzen und Technik

HAMNET nutzt Frequenzen im GHz-Bereich - spektral benachbart zu WLAN, aber auf für Amateurfunk reservierten Frequenzen:

BandFrequenzVerwendung
13 cm2,3 - 2,4 GHzUser-Zugänge
6 cm5,6 - 5,8 GHzLinkstrecken, User-Zugänge
3 cm10 GHzBackbone-Links
💡 Keine Störungen: HAMNET nutzt nicht dieselben Kanäle wie normales WLAN. Parallelbetrieb ist problemlos möglich.

Bandbreiten und Datenraten

Die Bandbreite ist gesetzlich geregelt:

  • 2,3 GHz: 5 MHz Bandbreite (typisch für User-Einstiege)
  • 5 GHz: 10 MHz Bandbreite (Linkstrecken)

In der Praxis erreichst du etwa 6-20 Mbit/s am User-Einstieg. Das reicht locker für VoIP, Webserver und sogar Video-Streaming.

Sendeleistung

Seit Januar 2021 gilt für HAMNET-Linkstrecken eine Sonderregelung: Bis zu 1000 W EIRP (30 dBW) sind genehmigungsfähig. Für User-Zugänge reichen aber deutlich weniger - die typische NanoStation sendet mit etwa 200 mW.

HAMNET und Notfunk

Ein Netzwerk, das ohne Internet, Mobilfunk und Stromnetz funktioniert? Das macht HAMNET besonders interessant für den Notfunk.

Bei Naturkatastrophen oder großflächigen Ausfällen kann HAMNET als Kommunikations-Backbone dienen:

  • Autarke Stromversorgung: Knoten können mit Notstrom betrieben werden
  • Keine Abhängigkeiten: Kein Provider, kein Rechenzentrum nötig
  • Bewährte Technik: Standard-IP-Protokolle, keine Spezialsoftware
⚠️ Wichtig: HAMNET ersetzt keine professionelle BOS-Infrastruktur. Es ist eine Ergänzung - betrieben von Freiwilligen.

Selbst Knoten betreiben

Du willst nicht nur nutzen, sondern das Netz erweitern? Funkamateure können eigene HAMNET-Knoten aufbauen - vom einfachen User-Einstieg bis zur komplexen Backbone-Verbindung.

Was du dafür brauchst:

  • Standort: Möglichst hoch mit Sicht zu anderen Knoten
  • Genehmigung: Als automatisch arbeitende Amateurfunkstelle
  • Koordination: IP-Adressen und AS-Nummern über de.ampr.org
  • Hardware: Router, Richtfunkantennen, ggf. Sektorantennen für User-Zugänge
HAMNET-Karte ansehen: Finde Knoten in deiner Nähe und prüfe die Abdeckung.
HamnetDB öffnen

Noch keine Amateurfunklizenz?

Für HAMNET brauchst du mindestens die Klasse E. Die Prüfungsvorbereitung ist kostenlos!

Zur Prüfungsvorbereitung

Häufige Fragen zu HAMNET

Was kostet der HAMNET Einstieg?

Die Hardware kostet zwischen 150 und 300 Euro - je nach Gerät und ob du gebraucht kaufst. Laufende Kosten gibt es keine, außer Strom für die Antenne.

Brauche ich eine Amateurfunklizenz?

Ja, HAMNET nutzt Amateurfunk-Frequenzen im 13cm- und 6cm-Band. Seit der AFuV-Novelle im Juni 2024 reicht Klasse E aus (mit 5 W PEP). Vorher war Klasse A erforderlich. Die Einsteigerklasse N hat keinen Zugang zu diesen Frequenzen.

Kann ich über HAMNET ins Internet?

Nein - und das ist Absicht. HAMNET ist ein geschlossenes Netzwerk ohne Verbindung zum kommerziellen Internet. Das ermöglicht unabhängigen Betrieb und vermeidet rechtliche Probleme.

Wie finde ich einen Knoten in meiner Nähe?

Auf hamnetdb.net gibt es eine interaktive Karte aller HAMNET-Knoten. Achte auf Standorte mit "U" - das sind User-Zugänge. Prüfe dann, ob du Sichtverbindung hast.

Welche Hardware ist die beste für Einsteiger?

Die Ubiquiti NanoStation M5 ist der Standard für HAMNET-Einstiege: günstig, zuverlässig, gut dokumentiert. Alternativ die MikroTik-Geräte für 2,4 GHz.

Was ist der Unterschied zu Packet Radio?

Packet Radio aus den 1980ern schaffte maximal 9,6 kBit/s. HAMNET erreicht bis zu 200 Mbit/s - das ist über 20.000-mal schneller. Außerdem nutzt HAMNET Standard-IP-Protokolle statt AX.25.

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