DMR steht für Digital Mobile Radio und ist ein digitaler Funkstandard nach ETSI-Norm. Ursprünglich 2006 für den Betriebsfunk entwickelt, hat sich DMR zum beliebtesten digitalen Übertragungsverfahren im Amateurfunk entwickelt. Der zentrale Vorteil: Auf einem einzigen 12,5-kHz-Kanal können zwei Gespräche gleichzeitig geführt werden.

💡 Kurzfassung: DMR nutzt TDMA mit zwei Zeitschlitzen pro Frequenz. Die Kommunikation erfolgt über Talkgroups - virtuelle Sprechgruppen, die Funkamateure weltweit verbinden. Voraussetzung ist eine kostenlose DMR-ID von radioid.net.

Was ist DMR?

DMR ist ein standardisiertes Übertragungsverfahren nach ETSI-Norm TS 102 361. Der Standard definiert drei Stufen (Tiers):

TierBezeichnungAnwendung
Tier IUnlicensedLizenzfreier Funk (PMR446-Pendant)
Tier IILicensed ConventionalBetriebsfunk und Amateurfunk
Tier IIILicensed TrunkedGroße Trunked-Radio-Systeme

Im Amateurfunk wird ausschließlich Tier II verwendet.

Technische Grundlagen

TDMA - Zwei Gespräche auf einer Frequenz

Der zentrale Unterschied zu analogen Systemen: DMR nutzt TDMA (Time Division Multiple Access). Dabei werden zwei voneinander unabhängige Zeitschlitze auf einer Frequenz betrieben - zeitlich nacheinander, nicht parallel.

💡 Prinzip: Jeder Zeitschlitz hat eine Länge von 30 ms. Davon enthalten 27,5 ms die Sprachdaten, die restlichen 2,5 ms dienen der Trennung zwischen den Zeitschlitzen.

Das Ergebnis: Zwei QSOs gleichzeitig auf derselben Frequenz - bei gleichbleibender Spektrumsnutzung von 12,5 kHz.

Technische Parameter

ParameterWert
Kanalraster12,5 kHz
Modulation4-FSK (4-Level Frequency Shift Keying)
Datenrate9,6 kbit/s
VocoderAMBE+2 (3,6 kbit/s)
Zeitschlitze2 pro Kanal (TS1 und TS2)
FrequenzbänderVHF (145 MHz), UHF (430 MHz)

Der AMBE+2 Vocoder

DMR verwendet den proprietären AMBE+2 Vocoder von DVSI zur Sprachkompression. Dieser Codec wurde von ETSI als Standard für DMR festgelegt und komprimiert Sprache auf 3,6 kbit/s bei guter Verständlichkeit.

⚠️ Lizenzpflichtiger Codec: Der AMBE+2-Codec ist patentiert. Daher enthalten alle DMR-Funkgeräte einen Hardware-Chip von DVSI. Open-Source-Alternativen wie Codec2 werden im Amateurfunk diskutiert, haben sich aber nicht durchgesetzt.

Farbcodes (Color Codes)

Farbcodes ermöglichen die Unterscheidung paralleler DMR-Netze auf derselben Frequenz - vergleichbar mit CTCSS-Tönen im analogen Funk. Der Farbcode muss im Funkgerät korrekt eingestellt sein, sonst wird das Relais nicht geöffnet.

Zeitschlitze und ihre Nutzung

Die beiden Zeitschlitze (TS1 und TS2) werden im Amateurfunk unterschiedlich genutzt:

ZeitschlitzTypische NutzungBeispiel-Talkgroups
TS1National, international, weltweitTG262 (DL), TG91 (Welt), TG92 (Europa)
TS2Regional, lokalTG8 (Regional), TG9 (Lokal), TG2620-2629
💡 Schreibweise: Die Kombination aus Zeitschlitz und Talkgroup wird als "TS/TG" notiert. Beispiel: 1/262 bedeutet Zeitschlitz 1, Talkgroup 262 (Deutschland).

Talkgroups - Virtuelle Sprechgruppen

Talkgroups sind das zentrale Konzept in DMR. Sie ermöglichen eine logische Einteilung der Gespräche - unabhängig von der physikalischen Frequenz. Nur wer dieselbe Talkgroup eingestellt hat, hört das Gespräch.

Wichtige Talkgroups in Deutschland

TalkgroupNameZeitschlitzBeschreibung
TG262DeutschlandTS1Nationale Talkgroup für ganz DL
TG920D-A-CHTS1Deutschland, Österreich, Schweiz
TG91WeltweitTS1Internationale Verbindungen
TG92EuropaTS1Europaweite Kommunikation
TG910German WWTS1Deutschsprachig weltweit
TG9LokalTS2Nur über das lokale Relais
TG8RegionalTS2Regionale Gruppe

Regionale Talkgroups (Brandmeister)

Für regionale Kommunikation auf TS2:

TalkgroupRegion
TG2620Sachsen-Anhalt / Mecklenburg-Vorpommern
TG2621Berlin / Brandenburg
TG2622Hamburg / Schleswig-Holstein
TG2623Niedersachsen / Bremen
TG2624Nordrhein-Westfalen
TG2625Rheinland-Pfalz / Saarland
TG2626Hessen
TG2627Baden-Württemberg
TG2628Bayern
TG2629Sachsen / Thüringen

Statische vs. dynamische Talkgroups

Statische Talkgroups
  • Permanent auf dem Relais aktiv
  • Vom Relaisbetreiber festgelegt
  • Immer verfügbar ohne Aktion
Dynamische Talkgroups
  • Werden durch PTT-Druck aktiviert
  • Bleiben ca. 15 Minuten aktiv
  • Flexibel wählbar

DMR-Netzwerke

DMR-Relais sind über das Internet zu weltweiten Netzwerken verbunden. Die drei wichtigsten:

Brandmeister

Das weltweit größte DMR-Netzwerk mit dezentraler Architektur. Jedes Land betreibt eigene Master-Server.

  • Philosophie: Jede Talkgroup auf jedem Relais verfügbar
  • Features: API, Hoseline (Web-Streaming), SMS, GPS-APRS
  • Deutschland: Master-Server master1.bm262.de und master2.bm262.de
  • Dashboard: brandmeister.network

DMRplus / IPSC2

Alternatives Netzwerk mit anderer Philosophie:

  • TS1: Kommunikation über Talkgroups
  • TS2: Zusätzlich Reflektoren (vergleichbar mit D-STAR)
  • Entwicklung: Von österreichischen Funkamateuren (OE1KBC)
  • Verbindung: 67 IPSC2-Server weltweit

DMR-MARC

Das historisch älteste DMR-Netzwerk, heute hauptsächlich in Nordamerika aktiv. In Europa weniger verbreitet.

💡 Netzwerk-Brücken: Viele Relais sind gleichzeitig mit mehreren Netzwerken verbunden. Manche Talkgroups sind zwischen Brandmeister und IPSC2 verlinkt.

DMR-Funkgeräte

Für den Einstieg in DMR wird ein DMR-fähiges Funkgerät benötigt. Die wichtigsten Hersteller:

Empfohlene Einsteigergeräte

GerätTypPreis ca.Besonderheiten
Anytone AT-D878UVII PlusHandfunk200 €GPS, APRS, Bluetooth, großer Speicher
TYT MD-UV380Handfunk100 €Günstig, bewährt, gute Community
Radioddity GD-88Handfunk150 €Gutes Preis-Leistungs-Verhältnis
Anytone AT-D578UV PlusMobil350 €Mobilgerät, Codeplug-kompatibel mit 878

Profi-Geräte

GerätHerstellerPreis ca.Besonderheiten
Hytera PD785Hytera400+ €Robust, einfache Bedienung
Motorola DP4801eMotorola600+ €Profi-Qualität, ATEX-Varianten
✅ Empfehlung für Einsteiger: Das Anytone AT-D878UVII Plus bietet das beste Verhältnis aus Funktionsumfang, Bedienbarkeit und Preis. Die große Community sorgt für guten Support und viele fertige Codeplugs.

DMR-Hotspots

Kein DMR-Relais in Reichweite? Ein Hotspot bringt das Netzwerk in die eigenen vier Wände. Der Hotspot verbindet sich per Internet mit dem DMR-Netzwerk und stellt eine lokale Funkzelle bereit.

Komponenten eines Hotspots

  • MMDVM-Board: Multi-Mode Digital Voice Modem (Hardware)
  • Raspberry Pi: Einplatinencomputer als Basis
  • Pi-Star: Software-Distribution für einfache Konfiguration
  • Antenne: Kleine Stummelantenne für lokale Reichweite

Fertige Hotspot-Lösungen

ProduktPreis ca.Besonderheiten
MMDVM Hotspot Kit50-80 €Raspberry Pi Zero + MMDVM-Board
OpenSpot 4 Pro300 €Fertiggerät, kein Basteln nötig
SharkRF openSPOT200 €Kompakt, Web-Interface
💡 Hotspot-ID: Für Hotspots wird eine erweiterte DMR-ID verwendet: Die 7-stellige persönliche ID gefolgt von "01" bis "99". Beispiel: 262123401 für den ersten Hotspot.

Einstieg in DMR

Schritt 1: DMR-ID beantragen

Jeder DMR-Nutzer benötigt eine eindeutige numerische ID. Die Registrierung erfolgt kostenlos auf radioid.net:

  1. Account erstellen mit E-Mail-Adresse
  2. Rufzeichen und Land eingeben
  3. Validierung abwarten (meist wenige Stunden)
  4. 7-stellige DMR-ID erhalten (z.B. 2621234)
⚠️ Eine ID für alle Geräte: Du benötigst nur eine DMR-ID, auch wenn du mehrere Funkgeräte besitzt. Die ID wird in jedem Gerät eingetragen.

Schritt 2: Funkgerät und Software

Für die Konfiguration wird die CPS (Codeplug Programming Software) des Herstellers benötigt:

  • Software von der Hersteller-Website herunterladen
  • USB-Treiber installieren
  • Funkgerät per USB-Kabel verbinden

Schritt 3: Codeplug erstellen

Der Codeplug ist die zentrale Konfigurationsdatei des DMR-Funkgeräts. Er enthält:

  • Persönliche DMR-ID und Rufzeichen
  • Repeater-Frequenzen und Farbcodes
  • Talkgroups und Zeitschlitz-Zuordnungen
  • Kontaktliste (optional)
  • Zonen und Kanäle
✅ Tipp: Viele DARC-Ortsverbände und DMR-Websites bieten fertige Codeplugs für die jeweilige Region an. Diese können als Ausgangsbasis dienen und angepasst werden.

Schritt 4: Erste Verbindung

  1. Codeplug auf das Funkgerät übertragen
  2. Lokales DMR-Relais auswählen
  3. Talkgroup wählen (z.B. TG262 für Deutschland)
  4. PTT drücken und Verbindung testen

Hilfreiche Ressourcen

DMR vs. andere Digitalmodi

SystemStandardZeitschlitzeVocoderNetzwerk
DMRETSI2 (TDMA)AMBE+2Brandmeister, DMRplus
D-STARJARL1AMBEircDDB, REF/XRF
C4FM/FusionYaesu1AMBE+2YSF, FCS, WIRES-X
P25TIA1-2IMBE/AMBE+2Primär BOS
💡 Vorteil DMR: Durch die zwei Zeitschlitze ist DMR spektrumseffizienter als D-STAR oder C4FM. Zudem sind DMR-Geräte durch die Betriebsfunk-Herkunft oft robuster gebaut.

Praktische Tipps

Do's
  • Erst zuhören, dann senden
  • Kurze Pause nach PTT (Kerchunk vermeiden)
  • Talkgroup vor dem Senden prüfen
  • Lokale TG9 für Tests nutzen
Don'ts
  • Lange QSOs auf TG91 (Weltweit)
  • Falschen Zeitschlitz verwenden
  • Ohne DMR-ID senden
  • Codeplug ohne Anpassung übernehmen

DMR-Begriffe

BegriffBedeutung
CodeplugKonfigurationsdatei des Funkgeräts
Color Code (CC)Digitaler "Subton" zur Netztrennung (0-15)
CPSCodeplug Programming Software
DMR-IDEindeutige 7-stellige Benutzer-ID
HotspotPersönlicher Mini-Repeater mit Internet
MMDVMMulti-Mode Digital Voice Modem
ReflektorVirtuelle Konferenzräume (DMRplus)
Talkgroup (TG)Virtuelle Sprechgruppe
TDMATime Division Multiple Access
Timeslot (TS)Zeitschlitz (TS1 oder TS2)

Bereit für die Amateurfunkprüfung?

Für DMR brauchst du ein gültiges Amateurfunkzeugnis. Bereite dich kostenlos mit dem offiziellen BNetzA-Fragenkatalog vor.

Zur Prüfungsvorbereitung

Häufige Fragen zu DMR

Was kostet der Einstieg in DMR?

Ein einfaches DMR-Handfunkgerät wie das TYT MD-UV380 kostet ca. 100 €. Das beliebte Anytone AT-D878UVII Plus liegt bei ca. 200 €. Die DMR-ID ist kostenlos. Ein optionaler Hotspot kostet 50-80 € als Bausatz oder 200-300 € als Fertiggerät.

Brauche ich ein DMR-Relais in der Nähe?

Nicht unbedingt. Mit einem Hotspot (MMDVM + Raspberry Pi + Pi-Star) kannst du dich von zu Hause aus mit dem DMR-Netzwerk verbinden. Der Hotspot stellt eine kleine lokale Funkzelle bereit und verbindet sich über das Internet mit Brandmeister oder DMRplus.

Was ist der Unterschied zwischen Brandmeister und DMRplus?

Brandmeister setzt ausschließlich auf Talkgroups und bietet jede Talkgroup auf jedem Relais an. DMRplus/IPSC2 nutzt zusätzlich Reflektoren (ähnlich D-STAR). Beide Netzwerke sind teilweise miteinander verlinkt. Die meisten deutschen Relais sind bei Brandmeister.

Was ist ein Codeplug?

Der Codeplug ist die Konfigurationsdatei deines DMR-Funkgeräts. Er enthält deine DMR-ID, alle Repeater-Frequenzen, Talkgroups, Zeitschlitz-Zuordnungen und Farbcodes. Ohne korrekten Codeplug funktioniert DMR nicht. Fertige Codeplugs für deine Region findest du oft bei DARC-Ortsverbänden.

Warum gibt es zwei Zeitschlitze?

DMR nutzt TDMA (Time Division Multiple Access). Dabei werden auf einer Frequenz zwei Gespräche zeitlich versetzt übertragen. TS1 wird typischerweise für nationale/internationale Talkgroups genutzt, TS2 für regionale/lokale Kommunikation. So verdoppelt sich die Kapazität ohne zusätzliches Spektrum.

Kann ich mit meinem DMR-Gerät auch analog funken?

Ja, die meisten DMR-Funkgeräte sind Dualmode-Geräte und unterstützen sowohl DMR (digital) als auch FM (analog). Du kannst im Codeplug analoge und digitale Kanäle nebeneinander anlegen.

Wie lange dauert die DMR-ID-Registrierung?

Die Registrierung auf radioid.net dauert meist nur wenige Stunden. In Einzelfällen kann es bis zu 24 Stunden dauern. Die DMR-ID ist kostenlos und gilt lebenslang für alle deine DMR-Geräte.

Was bedeutet "Kerchunk"?

Kerchunk bezeichnet das kurze Drücken der PTT-Taste ohne zu sprechen - oft zum Testen der Verbindung. Bei DMR sollte das vermieden werden, da es unnötig Netzwerkressourcen belegt und andere Nutzer stört. Nutze stattdessen TG9 (Lokal) für Tests.

×Vollbild